Ernährungsethik & Christentum


„Der Gerechte erbarmt sich seines Vieh, aber das Herz der Gottlosen ist unbahrmherzig.“
(Sprüche 12, 10)

Die Bibel verlangt von Christen, nur solche Lebensmittel zu produzieren, die mit Hilfe ethischer Mittel erwirtschaftet wurden. Nachhaltige und faire Landwirtschaftsmethoden,  die das Wohl des Menschen, der Tiere und der gesamten Natur begünstigen, stellen die Fundamente einer theologisch basierten Ernährungsethik dar.

Die Erde wurde für alle Geschöpfe Gottes erschaffen.  Mensch und Tier sollen sich Lebensräume teilen und in einer harmonischen Gemeinschaft miteinander leben. Sie teilen nicht nur die Gemeinsamkeit der Schöpfung, sondern werden von Gott in der gleichen Weise geliebt und gesegnet. Darüberhinaus pflegen Tiere und die Umwelt in der christlichen Vorstellung eine ganz besondere Beziehung zu Gott. Die nicht-menschlichen Geschöpfe achten die göttlichen Gesetze und Ordnung und manifestieren in ihrem Verhalten den göttlichen Willen. Sie bezweifeln Gott nicht und widersetzen sich ihm nicht, sondern schenken ihm absolute Treue. Der Mensch besitzt diese direkte Wahrnehmung Gottes nicht. Er ist nicht zur absoluten Hingabe und Fügung fähig. Der Mensch kann jedoch Gott durch seine Schöpfung erkennen. Die Betrachtung der Tier- und Naturwelt sind Zeichen für Gläubige. Des weiteren soll sich der Mensch ein Vorbild an der Beziehung von Tier-Natur-Gott nehmen. Diese Ansätze der Bibel finden sich etwa in den Texten zu Tier- und Umweltschutz von Franz von Assisi (1182-1226) wieder. Seine positiven Grundsätze zur Achtung der Mitgeschöpflichkeit haben ihn bis heute zum Schutzpatron der Tiere gemacht. Der Tag seiner Heiligsprechung am 4. Oktober 1228 wurde zum Welttierschutztag erklärt.

Auch Theologen des 20. und 21. Jahrhundert wie Albert Schweizer (1875-1965), Karl Barth (1886-1968) oder der Theologe Rainer Hagencord haben die Grundhaltung des respektvollen Umgangs mit Tieren und der Natur wesentlich geprägt. Im Jahre 1988 haben sich über 400 Theologen im „Glauberger Schuldbekenntnis“ zu den Fehlansätzen der Christen gegenüber Tieren und der Natur geäußert.  Es wird verlangt, menschliche Mitgeschöpfe in die Kirche aufzunehmen und der Lehre Jesu im Bezug auf Liebe, Gerechtigkeit und Güte nachzukommen.
In der christlichen Kirchengeschichte finden sich nur vereinzelt Ansätze für eine ganzheitliche Ernährungs- und Umweltethik. Besonders die Beziehungen zwischen Menschen, Mitgeschöpfen und der Natur sowie das Gott-Tier-Natur-Verhältnis wurden in der Theologie kaum betrachtet. Der Mensch wurde überwiegend als der Herrscher der Welt angesehen, dem Tier und Natur untergeordnet sind. Der biblische Vers „Macht euch die Erde untertan“ hat diesen Ansatz wesentlich geprägt. Aber auch philosophische Paradigmen haben die theologisch-menschenzentrierte Sichtweise bestärk, etwa die Hauptvertreter der anthropozentrischen Weltanschauung Aristoteles, René Descartes und Immanuel Kant.


Hintergrundliteratur (Auswahl)

Rosenberger, Michael: Im Brot der Erde den Himmel schmecken. Ethik und Spiritualität der Ernährung. München 2014.

Gottwald, Franz-Theo: Geschöpfe wie wir. Zur Verantwortung des Menschen für die Tiere. Kirchliche Positionen. München 2004.

Gottwald, Franz-Theo/Kolmer, Lothar: Speiserituale. Essen, Trinken, Sakralität. Stuttgart 2005.

Hagencord, Rainer: Die Würde der Tiere. Eine religiöse Wertschätzung. Gütersloh 2011.

Hagencord, Rainer: "Segne Vater diese Gaben" - Oder: Wer soll wann was tun? In: Gottwald, Franz-Theo/Boergen, Isabel (Hrsg.): Essen und Moral. Beiträge zur Ethik der Ernährung. Marburg 2013.

Hagencord, Rainer: Gott und die Tiere. Ein Perspektivenwechsel. Regensburg 2008.

Hagencord, Rainer: Wir sollten Kosmographen werden, in: KULINARISTIK. Wissenschaft, Kultur, Praxis, Heft 4/2012, S. 30f.

Fuchs, Guido: Gott und Gaumen. Eine kleine Theologie des Essens und Trinkens. München 2010.

Moll, Sebastian: Christlicher Vegetarismus? In: Gottwald, Franz-Theo/Boergen, Isabel (Hrsg.): Essen und Moral. Beiträge zur Ethik der Ernährung. Marburg 2013, S. 131-138.

Schweitzer, Albert: Ehrfurcht vor den Tieren. München 2006.

Rotzetter, Anton: Die Freigelassenen. Franz von Assisi und die Tiere. Freiburg (Schweiz) 2011.

Röbkes, Marion: Religion, Ernährung und Gesellschaft. Ernärhungsregeln und -verbote in Christentum, Judentum und Islam. Hamburg 2013.

Staghun, Gerhard: An einem Tisch. Rezepte von Juden, Christen und Muslimen. Neustadt 2012.

 

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